LehrerInnen von morgen – Digital Natives?
Dieser Beitrag will der Diskussion eines bis zum Überdruss strapazierten Begriffs eigentlich keine weitere Facette hinzufügen, tut es aber trotzdem. Im Zuge einer Untersuchung zur kompetenzorientierten Selbsteinschätzung von Lehramtsstudierenden in der Studieneingangsphase an der Pädagogischen Hochschule Salzburg wurde dem Mythos der “Generation Y” neuerlich auf den Zahn gefühlt. Vielfach wird ja damit argumentiert, dass sich diese Generation, der die Zielgruppe der erwähnten Erhebung samt und sonders angehört, durch besondere Qualitäten, wie z.B. einer natürlichen Technologie- und Informationskompetenz, ausgeprägter Neigung zur Arbeit in virtuellen Teams sowie einer allgemein höheren Intelligenz (Prensky 2001) auszeichnen soll. Vieles wurde zu diesem Thema bereits diskutiert und veröffentlicht, Pro und Contra analysiert und Argumente ausgetauscht. Uns interessierte in diesem Zusammenhang die Selbsteinschätzung der Studierenden, die sich auf den Lehrberuf an Pflichtschulen vorbereiten, frisch aus einer der gängigen “Zuliefer-Bildungsinstitutionen” kommen und sich in der Studieneingangsphase befinden. Kurz gesagt: Digital Natives in der von Marc Prensky geprägten Wortbedeutung konnten wir kaum identifizieren. An der Untersuchung nahmen 154 Studierende der Studieneingangsphase, also 65% aller Erstsemestrigen der PH-Salzburg teil. Die Fragen zur Selbsteinschätzung umfassten neben allgemeinen Studienkompetenzen vorwiegend den Bereich der Medienkompetenz und hier besonders die Felder grundlegender IKT-Kompetenzen, Kompetenzen im Bereich (virtueller) Kooperation/Kollaboration sowie weiter gehende Web 2.0 Kompetenzen.
Im Rahmen des ersten Fragenkomplexes sollten Kompetenzen der allgemeinen Studienorganisation, der Informationsbeschaffung und Lerntechnik sowie des Zeitmanagements unter Berücksichtigung motivationaler Aspekte erhoben werden. Die Selbsteinschätzung der Studierenden bot hier ein eher homogenes Bild. Die Studierenden schätzten sich in diesem Bereich überwiegend gut ein, wenngleich die Maximalwerte des Rankings nur bei der Frage nach der Zielorientierung („Ich kenne das Ziel, das ich durch die Wahl meines Studiums erreichen möchte“) erreicht wurden. Die Fähigkeit zur Selbstmotivation in schwierigen Situationen wurde von vielen Erstsemestrigen bereits wesentlich kritischer beurteilt. Rund 13% gaben an, in diesem Bereich Schwierigkeiten zu haben. Bei der Frage nach Techniken zur Informationssuche sowie der Kenntnis von Techniken zur Erschließung schwieriger Texte gaben rund 47% der Studierenden deutliche Defizite an. Die Streuung der Antworten bei der Frage: „Ich kenne die Anforderungen, die jede Lehrveranstaltung an mich stellt“, ist gleichwohl bemerkenswert. Nur rund 9% der Studierenden der PH konnten diese Frage eindeutig positiv beantworten. Immerhin über 10% gaben an, diese Anforderungen nicht oder kaum zu kennen.
Der Fragenkomplex im Hinblick auf die Medienkompetenz bot ein wesentlich heterogeneres Bild. Auf den ersten Blick zeigten die Selbsteinschätzungen zu grundlegenden IKT-Kompetenzen sehr gute Werte. 84% gaben an, Dateien systematisch ablegen und wiederfinden zu können. Knapp 70% schätzten ihre Kompetenzen der Beherrschung grundlegender Funktionen von Textverarbeitungssystemen mit Maximalwerten ein. 89% gaben an, die Grundlagen von Präsentationssystemen in ihren Grundzügen zu beherrschen. Überprüfungen relativierten diese Einschätzungen allerdings deutlich. Eine stichprobenartig in zwei Teilgruppen durchgeführte, freiwillige ECDL-Probeprüfung zum Modul 3 (Textverarbeitung) im Sommersemester 2010 wurde von knapp 40% der teilnehmenden Studierenden nicht bestanden. Es scheint also eine Diskrepanz darin zu bestehen, was Fragesteller und Befragte unter „grundlegenden Kenntnissen“ zu verstehen scheinen. Die eigenen Kenntnisse in anderen grundlegenden IKT-Bereichen, wie dem Einsatz von Dateipack- und Komprimiersoftware sowie der Erzeugung einfacher PDF-Dokumente wurden von den Studierenden wesentlich schlechter eingeschätzt.
Im Kompetenzfeld Kooperation/Kollaboration werden die eigenen Kompetenzen ebenfalls auffallend kritisch beurteilt. 66% gaben an, die besonderen Anforderungen an virtuelle Gruppenarbeit nur teilweise oder gar nicht zu kennen. Lediglich 7% fühlen sich in diesem für „Digital Natives“ offensichtlich zentralen Kompetenzfeld ausreichend qualifiziert. Über 20% gaben an, nicht ausreichend oder kaum zu wissen, wie sie grundsätzlich erfolgreich in einer Gruppe lernen können.
Eine noch kritischere Situation zeigt die Auswertung des Fragenkomplexes zu den Internet/Web 2.0 Kompetenzen. Während 94% der Studierenden angaben, sich häufig im Internet zu bewegen und 98% regelmäßig Suchmaschinen nutzen, gaben knapp 20% an, wenig oder keine konkreten Suchstrategien bei der Quellensuche im Internet anzuwenden. Die Mehrzahl der Erstsemestrigen kannte weder den Nutzen von Wikis (66%) noch den von Weblogs (69%), noch wussten sie, wie man ein Wiki oder ein Weblog anlegt. Erhebungen unter Studierenden der Universitäten Graz und Zürich (Ebner, Schiefner & Nagler 2008) belegen, dass sich die Kenntnis von Web 2.0 Anwendungen bei Studierenden häufig auf ein kleines Spektrum an Applikationen beschränkt. Meist sind dies die in der jeweiligen Peergroup relevanten Anwendungen, wie z. B. StudiVZ, Facebook, Youtube und Wikipaedia. Aus der Tatsache der Kenntnis dieser Anwendungen generell auf eine größere Web 2.0 Affinität zu schließen, erscheint zumindest aufgrund dieser Befunde als unzulässig.
Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für den Bereich der Lehre an der Pädagogischen Hochschule? Die überwiegende Mehrheit der Lehrenden an den (Pädagogischen) Hochschulen ist im Umgang mit Neuen Medien der sogenannten „second wave“ (Hagner & Schneebeck 2001) zuzuordnen. Diese KollegInnen stehen dem Einsatz technologiegestützter Lehr- und Lernformen zwar grundsätzlich offen, jedoch deutlich unsicherer und vorsichtiger gegenüber, als die sog. „early adopters“ der ersten Welle. Sie sind in erster Linie an einem Qualitätszuwachs ihrer Lehre interessiert, sind weniger technikaffin und lassen sich durch die bei den Studierenden in vermeintlich höherem Maß vorhandenen Medienkompetenzen leicht verunsichern. Diese Verunsicherung kann durch den Hinweis auf die Tatsache gemildert werden, dass Studierende nicht a priori oder aus der „Gnade der späten Geburt“ heraus, eine höhere Informations- und Medienkompetenz als die „Digital Immigrants“ der etwas älteren Generation aufweisen, sondern durch die Sozialisation mit den Informationstechnologien einfach selbstverständlicher damit umgehen. Aus der reinen Nutzung von Medien erwächst noch keine Medienkompetenz im Sinne Baackes (Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung, Mediengestaltung), auch wenn eine diesbezügliche Zuschreibung seitens der Medien immer wieder erfolgt, was letztlich zu Verzerrungen in der Selbsteinschätzung der eigenen Kompetenzen beiträgt. Diese Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlich vorhandenen Kompetenzen im IKT-Bereich ist mehrfach dokumentiert und wird u. a. bereits bei McEuen (2001) beschrieben.
In umgekehrter Weise können euphoristische Pauschalaussagen über die „Teamfähigkeit“ der Digital Natives und ihre Präferenz, kollaborativ in Gruppen zu lernen, zu didaktischen Negativeffekten führen, falls diese Kompetenzen stillschweigend und unreflektiert vorausgesetzt und Grundlage der eigenen Lehrveranstaltungsplanungen sein sollten. Für ein Vorliegen vermehrter Kompetenzen bei selbst gesteuerten und kollaborativen Lernszenarien konnte die gegenständliche Untersuchung keinerlei Hinweise liefern.
Die Funktionalisierung und Instrumentalisierung von Medien zum Zweck individueller Bedürfnisbefriedigung (Schulmeister 2009) führt zwar zu einer verstärkten Mediennutzungskompetenz, berührt aber in keiner Weise die übrigen, von Baacke definierten Medienkompetenzfelder, wie Medienkunde oder Mediengestaltung, geschweige denn die verschiedenen Dimension von Medienkritik. Diese Bereiche sind in den vorgefundenen Kompetenzen der Studierenden stark unterrepräsentiert, obwohl sich gerade über sie der pädagogische Zugang zu diesem Themenkomplex manifestiert. Damit wären die zukünftigen Felder einer verantwortlichen Hochschullehre im Bereich der Neuen Medien abgesteckt. Die dazu notwendigen Kompetenzen werden nicht anderweitig, bzw. auschließlich in der individuellen Auseinandersetzung mit Medien erworben, stellen aber für LehrerInnen von morgen ein unverzichtbares Rüstzeug dar. Die Vermittlung von „media literacy“ berührt als Prinzip alle Fachbereiche und sollte als determinierender Faktor in das hochschuleigene Qualitätsmanagement Eingang finden. Überhöhte Erwartungshaltungen den Studierenden gegenüber sind dabei ebenso kontraproduktiv, wie eine übersteigerte Bedeutungszuweisung an Computer und Internet.




