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LMS – Nachhaltige Innovation oder Web 2.0 Zombie?

5. September 2010

Der Aufruf zum Nachdenken über die Zukunft von Lernmanagementsystemen (LMS), der mich von meinem lieben Kommilitonen an der Fernuni-Hagen, André Stoehr, im Rahmen des Carnival Blogs “WissensWert” erreichte, gibt mir Gelegenheit meine Gedanken zu diesem Thema, das mich beruflich und privat schon seit fast 8 Jahren begleitet, ein wenig zu ordnen. Wohin fährt der Zug also?

Quelle: http://homepage.ntlworld.com/foxfield

Totgesagte leben länger, heißt ein altes Sprichwort, das mir zu diesem Thema spontan in den Sinn kommt. Tatsächlich nervt es mich eigentlich immer, wenn der Abgesang auf elearning-Tools bereits angestimmt wird, bevor es überhaupt zu einer annähernd messbaren Diffusion innerhalb der entsprechenden Zielgruppe (und als Lehrender an einer Pädagogischen Hochschule in Österreich habe ich da natürlich in erster Linie die LehrerInnnen im Auge) gekommen ist. Ich weiß nicht, ob es der Sache förderlich ist, wenn die sog. “early adopters” den Rest der Welt permanent vor sich her treiben und damit die “second wave” (Hagner&Schneebeck, 2001), die auf Grund der raschen Innovationszyklen im Bereich technologiegestützten Lehrens und Lernens ohnehin zunehmend kritische Aufwand-/Nutzenrechnungen anstellt, zusätzlich entmutigt. LMS sind bei einem Großteil der Lehrerschaft bislang noch gar nicht angekommen! Dafür gibt es demographische Gründe (60,4% aller österreichischen Lehrer sind älter als 45), ausbildungsimmanente Gründe (mangelnde Medienkompetenz) und politische Gründe (fehlende Anreizsysteme). Dazu kommt der auf Bildungsinnovationen retardierend wirkende Einfluss parteipolitischer Akteure auf allen Organisationsebenen des Bildungswesens verbunden mit schwerfälligen Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen. Darüber hinaus stöhnen die meisten LehrerInnen ohnehin unter der Last wesensfremder Aufgaben, überbordender Verwaltungstätigkeiten und der zunehmenden Verlagerung von Erziehungsverantwortung vom Elternhaus an die Schule. Eine Entwicklung, die vermutlich nicht nur in Österreich anzutreffen sein dürfte. All das bremst die Motivation, sich auf pädagogisches Neuland zu begeben erheblich ein, zumal dann, wenn es mit zusätzlichem Aufwand an Zeit und Nerven verbunden ist.

An den Angeboten liegt es jedenfalls nicht. Diese sind in Österreich nicht zuletzt dank Initiativen wie Edumoodle, EPICT oder neuerdings der Virtuellen PH mehr als ausreichend. Das eigentliche Problem beginnt also lange vor der Frage nach der Akzeptanz bzw. der Relevanz von LMS im Web 2.0 Zeitalter. Die angesprochenen Herausforderungen sind daher primär auf der Ebene politischer Entscheidungsträger anzunehmen. Unabhängig davon besitzen LMS bestimmte Eigenschaften, die sie für den Einsatz im Rahmen formaler Bildungsinstitutionen jedenfalls prädestinieren:

LehrerInnen bevorzugen geschützte Bereiche

Lehrer sind gewohnt, Einzelarbeiter zu sein und in geschlossenen Klassen zu arbeiten. Diese Kultur ist immer noch ungebrochen und ändert sich nur allmählich. Lernmanagementsysteme kommen dieser Lehr-/Lernkultur mit der Möglichkeit, virtuelle Klassenräume zu bilden, entgegen. Dieses Feature stellt ein wesentliches Akzeptanzmerkmal im schulischen Bereich dar. Geschützte Bereiche sind für Lernprozesse durchaus förderlich und legitim (vgl. Baumgartner) und haben besonders im Hinblick auf viele ungelöste Fragen im Bereich des Urheberrechts in Lehre und Unterricht mehr Vor- als Nachteile. Darüber hinaus ist es eine Eigenheit von LehrerInnen, sich nicht in die Karten schauen lassen zu wollen. Die Gründe dafür sind vielschichtig und sollen hier nicht Erwähnung finden. Diese Eingenheit hat, jedenfalls bislang, zum Scheitern von so ziemlich allen Formen von “Materialtauschbörsen” geführt.

LehrerInnen brauchen Funktionen für das Tracking von Lernprozessen

LehrerInnen sind dienstrechtlich zur Führung von sog. Dienstschriften, also Aufzeichnungen und Dokumentationen verpflichtet (Anwesenheit, Lernverhalten, Leistungen etc.). Dass dies seit Einführung der Schulpflicht durch Kaiserin Maria Theresia (1774)  bis heute mittels Klassenbuch geschieht und auch inzwischen allerorts verfügbare Schulverwaltungssoftware im wesentlichen nichts daran geändert hat, ist nur eine Randnotiz in den Anachronismen des Schulwesens. Diese Dokumentation sowie das Tracking von Lernprozessen in Form von individuellen Leistungsvorlagen (ePortfolios) ist mit LMS ohne vermehrten Zusatzaufwand gewährleistet. Daher werden auch aus diesem Grund Web 2.0 Applikationen Lernmanagementsysteme (zumindest in naher Zukunft) wohl nicht ersetzen können, wie es z.B. Michael Kerres (2006) vermutet.

LehrerInnen bevorzugen “all in One” – Lösungen

Lehrer sind zeitlich sehr beansprucht, auch wenn populistische Stellungnahmen in Richtung dieser Berufsgruppe immer wieder von den Ferien als Berufswahlkriterum Nr. 1 sprechen. Sie haben nicht die Zeit, sich die jeweils passenden und aktuellsten Web 2.0 Tools und Gadgets aus den Untiefen des Webs zu suchen, die zusätzlich auch noch die Bedingungen von Kostenfreiheit und Nachhaltigkeit erfüllen sollen. Und sollten sie es trotzdem tun, weil sie – wider Erwarten – Early Adopters, Nerds, Technikfreaks oder schlimmeres sind, werden Sie spätestens dann die Flinte ins Korn werfen, wenn sich die Frucht ihrer und ihrer Schüler Arbeit in Luft auflöst, weil das benötigte Tool mal wieder vom Markt genommen, kostenpflichtig oder durch “Weiterentwicklung” inkompatibel geworden ist. Mit einer Lernplattform wird mir das nicht so leicht passieren.

Lehrerinnen bevorzugen wiederverwendbare, leicht adaptierbare Lerneinheiten (Reuseable Learning Objects)

Ja, ich weiß, nach ROL’s kräht kein Hahn mehr, obwohl drum herum noch vor einigen Jahren ein ziemlicher Hype inszeniert wurde. Sei’s drum, die dahinter stehende Idee ist jedoch dem gemeinen Lehrer/ der gemeinen Lehrerin mehr als einleuchtend. Natürlich müssen Lehrinhalte jeweils an die vorhandene Klassensituation angepasst werden, trotzdem muss ja nicht jedes Jahr das Rad neu erfunden werden. Lerninhalte in Geschichte und Physik haben (zumindest in den Grundlagen) übrigens eine wesentlich höhere Halbwertszeit als so mancher bildungstechnologischer Trend. Wenn daher eine Lernplattform die Möglichkeit bietet, die Lehrinhalte – befreit von den individuellen Beiträgen der SchülerInnen – in einen neuen Kurs zu transferieren, sie dort zu editieren und mit aktuellen Bezügen angereichert wieder verwenden zu können, werden doch verschiedene Kollegen die Ohren spitzen (die meisten wissen es ja nicht, wie gesagt…) und sich sogar idealerweise überlegen, ob sie sich nicht doch auf einen “Pakt mit dem Teufel” einlassen sollen. Auch hier sind Lernmanagementsysteme aus einer rein praktischen Perspektive klar im Vorteil.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Keinesfalls geht es um die Konstruktion einer (künstlichen) Konkurrenz zwischen LMS und Social Software Tools, die in aggregierter Form eine Art PLE (Personal Learning Environment) bilden können. Für beides ist Platz und beides hat seine Berechtigung. Die jeweiligen Einsatzpotenziale hängen allerdings stark von der Art der Bildungsinstitution, der dort vorherrschenden Lehr- und Lernkultur, der Medienkompetenz der Lehrkräfte sowie der zur Verfügung stehenden Infrastruktur ab. Lehre existiert auch außerhalb – wenn man denn unbedingt will unterhalb – der Hochschule! Mich beschleicht in all den hehren Diskussionen, die über RSS-Feeds in schöner Regelmäßigkeit ihren Weg auf meinen Bildschirm finden und meinen oft sehr pragmatischen Alltag bereichern, permanent das Gefühl, dass dies gerne übersehen wird. Die Bedürfnisse in Grund- und Sekundarstufe I sind andere als im Bereich der Hochschule. Mit Peter Baumgartner bin ich der Meinung, dass die Zukunft in einer intelligenten Kombination der Vorteile beider Welten liegt. Lernmanagementsysteme können auf Lernressourcen im Web 2.0 verweisen und/oder diese auch in Lernprozesse innerhalb geschützter Lernräume integrieren.

Die Bedeutung geschützter Lernräume, wie sie von den LMS zur Verfügung gestellt werden, sinkt mit zunehmender Bildungshöhe, während gleichzeitig kooperative/kollaborative Lernformen stark an Bedeutung gewinnen. LMS müssen die Methodenfreiheit der Lehre gewährleisten und dürfen den Lehrenden kein bestimmtes Lehr-/Lernparadigma aufzwingen, wenn sie breite Akzeptanz erfahren sollen. Lernprozesse gründen sich immer auf einen Mix von Lernparadigmen und sind stark entwicklungsbezogen. Das Einmaleins ist für Kinder im Grundschulalter nun mal mit den so verpönten “drill and practice” Übungen effektiver zu erlernen, als mit konstruktivistischen Lehrmethoden. Auch in der Sekundarstufe I werden die SchülerInnen wohl mit der Zusammenstellung eines PLE mit Hilfe von Web 2.0 Gadgets so ihre Schwierigkeiten haben, obwohl erste Erfahrungen in diese Richtung im Sinne des Lernens von Lernen durchaus bereits gemacht werden sollten.

LMS haben also im Lehren und Lernen der näheren Zukunft durchaus noch ihren Platz, auch wenn Konvergenzen in Richtung Web 2.0 (vielleicht dann auch schon Web 3.0 ;-) erkennbar sein werden. Mit Moodle 2.0 wird der Zug eindeutig in diese Richtung fahren und wir wollen hoffen, dass er nicht mehr so viele Fahrgäste an den Bahnsteigen zurücklässt wie bisher.

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