LehrerIn 2.0
Nach längerer Blogabstinenz, in der ich an meiner Masterarbeit für die Fernuni Hagen schrieb, melde ich mich nun wieder mal zu Wort. Meine Masterarbeit befasste sich mit der Entwicklung akademischer Medienkompetenz für Lehrende an Pädagogischen Hochschulen. Diese Berufsgruppe unterscheidet sich nicht wesentlich von LehrerInnen an anderen Bildungsinstitutionen (schulischer Provinienz), daher können diesbezügliche Überlegungen auch relativ leicht eine Generalisierung erfahren.
Bereits seit längerer Zeit treibt mich die Frage um, warum es in Österreich seit der (quasi-) verbindlichen Einführung der Computerverwendung in den sogenannten Trägerfächern (D, E, M) durch die Lehrplannovellen 1989/90 nicht gelungen ist, die digitalen Kompetenzen eines Großteils der Lehrerschaft maßgeblich weiterzuentwickeln. In meiner Tätigkeit als Administrator eines österreichweit eingeführten Online-Systems zur Organisation und Verwaltung der Aus-, Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen aller Schultypen werde ich in schöner Regelmäßigkeit mit Anfragen befasst, die den Mangel an basic skills in diesem Bereich mehr als deutlich dokumentieren. Aus diesen Erfahrungen heraus lassen sich zusammenfassend Kompetenzdefizite in folgenden Bereichen konstatieren:
- Defizite in Motivation und Volition (digitalen Medien wird – zumindest im beruflichen Kontext – allgemein mit großem Vorbehalt begegnet)
- Defizite in der Einschätzung der eigenen Kompetenz (diese wird zumeist unterschätzt, oftmals aber auch überschätzt)
- Defizite in der Terminologie (grundlegende Begriffe der “Computersprache” werden nicht verstanden)
- Defizite in der ikonischen Wahrnehmung (die Aktionspotenziale von Dialogfeldern werden z. B. vielfach nicht wahrgenommen)
- Defizite in prozeduralem Wissen und technologischer Handlungskompetenz
Bringt man diese Defizite in Verbindung mit den sich reziprok entwickelnden digitalen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen, so ensteht eine bildungspolitisch bedenkliches Konglomerat, in dem die Schule ihrem gesellschaftlichen Bildungsauftrag im Hinblick auf den verantwortlichen und reflektierten Umgang mit informations- und kommunikationtechnologischen Innovationen nicht nur nicht mehr nachkommen kann, sondern in dem von SchülerInnen derart defizitär wahrgenommene LehrerInnen gar nicht mehr als formgebender Teil der eigenen Lebens- und Erfahrungswelt begriffen werden und zu musealen Versatzstücken einer Institution verkommen, die für Schüler nicht mehr viel zu bieten hat und die fehlende medienpädagogische Konzepte mit Handyverboten und aufwändigen Sperren sozialer Channels (Facebook, Twitter) auzugleichen versucht.
Nun mag es sein, dass auch für LehrerInnen der bekannte Spruch aus dem Silicon Valley gilt, dass die kurzfristigen Auswirkungen von Technologien im gleichen Ausmaß überschätzt, wie die langfristigen Auswirkungen unterschätzt werden, allerdings dürfte wohl nach 20 Jahren der Punkt gekommen sein, an dem auch die letzte Kollegin und der letzte Kollege draufkommen sollte, dass die digitalen Medien sich wohl nicht mehr sang- und klanglos aus dem Klassenzimmer verabschieden werden. Sollte man bislang dieser Hoffnung angehangen sein und den eigenen Handlungs- und Qualifizierungsbedarf vor dem ersehnten Ruhestand – nach einer überschlagsmäßigen Aufwand-/Nutzenabschätzung - als vernachlässigenswert eingestuft haben, so ist es mittlerweile für eine Kehrtwendung reichlich spät.
Viele betrachten die sich nun zahlreich in der Ausbildungspipeline befindlichen jungen KollegInnen als Hoffnungsschimmer am trüben digitalen Horizont. Sie, die Digital Natives (Prensky 2001), tragen die Hoffnung der älteren Generation, der Bildungspolitiker und Entscheidungsträger mit sich. Verspricht man sich doch durch den natürlichen biologischen Prozess das, was die Bildungspolitik mangels budgetärer Dotierung und politischer Entscheidungsfreudigkeit nicht zu Wege gebracht hat. Quasi im geschlossenen System soll ein neuer Lehrertyp (von mir mal flapsig LehrerIn 2.0 genannt) heranreifen, der all die neuerdings geforderten Qualitäten in sich vereinigt: Er soll Bildungsmanager, Trainer, Coach, Scaffolder, Animator, Wissensarbeiter und Designer von Lernszenarien sein, sich durch soziale und personale Kompetenz sowie lebenslange Weiterbildungslust auszeichnen, hochintelligent, wissenschaftlich auf höchstem Niveau ausgebildet und nicht zuletzt pekuniär möglichst anspruchslos sein. Seine Ausbildung soll er/sie durch 1.0 LehrerInnen erfahren, die ihm/ihr im Rahmen einer jahrzentelang herangereiften Infrastruktur, die Vorzüge des LehrerIn 2.0 Daseins schmackhaft machen und ihm/ihr all die oben genannten Fähigkeiten vermitteln sollen.
Nicht, dass dies nicht ginge. Die Wahrscheinlichkeit ist nur sehr gering.
Darüber hinaus stellt sich mir die Frage, ob die oben genannten Qualitäten für unsere jungen KollegInnen überhaupt diejenigen Attraktoren darstellen, die sie zu dieser Berufswahl motivieren. In meinen Lehrveranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass bei den Lehramtsstudierenden der Lehrertyp des pädagogischen Alleinunterhalters, der die Aufmerksamkeit der SchülerInnen spielerisch auf sich fokussieren kann und an dessen Lippen die Kinder mit vor Erwartung glänzenden Augen hängen, nach wie vor ein Faszinosum darstellt, auch wenn die Realität diesen Anspruch weit in die Sphäre der Fiktion verweist. Die Rolle des Trainers (Coach) bzw. des Organisators von Bildungsszenarien scheint vielen gar nicht erstrebenswert. Auch die Rolle der Medien im Bildungsprozess wird großteils skeptisch beäugt, da zwischen Unterhaltungs- und Bildungsmedien kaum differenziert wird und digitalen Medien der Nimbus des Unwägbaren, Unvorhersehbaren und Unplanbaren anhaftet, vor dem SchülerInnen im Zweifelsfall eher in Schutz zu nehmen sind (diese Angst vor “Kontrollverlust” wird in einer Studie aus dem Jahr 2009 zum Thema Schule und Internet bestätigt). Dieser, offenbar für Lehramtsstudierende spezifische, mediale Habitus, den Ralf Biermann (2009) und Sven Kommer (2010) in beachtenswerten Arbeiten näher untersucht haben, trägt die Tendenz zur Kultivierung innerer Widerstände und affektiven Vorbehalten gegenüber Medien allgemein in sich und stellt ein erstzunehmendes Absorptionspotenzial für technopädagogische Kompetenzentwicklungsmaßnahmen dar. Eine Untersuchung, die diese Thesen auf ihre Übertragbarkeit auf den Lehrberuf allgemein in den Blick nimmt, wäre ein lohenswertes und spannendes Unterfangen. Möglicherweise könnte sich hier ein Angriffspunkt für die Lösung dieser Problematik eröffnen, wiewohl habituelle Präpositionen schwer veränderbar sind und grundsätzlich eine Tendenz zur Fortschreibung in sich tragen.
Der Lehrberuf ist ein Biotop, eine ökologische Nische, in der es kaum nennenswerte Zuflüsse von außen gibt und in dem sich die Arten demnach auch nur schwer weiterentwickeln können. Zuflüsse zu schaffen, Migration zu ermöglichen und vielfältige Existenzformen zuzulassen, die für nachhaltige Evolutionsprozesse (von “Revolutionen” reden wir in der Pädagogik ja schon lang nicht mehr) sorgen, wäre das Gebot der Stunde. Medien sind solche Fenster in die Welt, Einfallstore für Ideen und Innovationen. Man muss sich nur trauen, sie aufzustoßen, auch – und vor allem dann - wenn man nicht genau weiß, was hereinkommt. Das es all dies nicht gratis geben wird, ist eine Binsenweisheit. Von der Bildungspolitik ist jedenfalls ein höheres Ausmaß an Kreativität gefordert, als für die Kürzung der Budgets für Bildung, Wissenschaft und Forschung notwendig ist.




